15.November 2019 - 9.Januar 2020

beZEICHNENd

Ausstellung

Matthias Beckmann / Katja Davar / Barbara Hindahl / Renate Neuser / Eva von Platen / Peter Torp / Brigitte Waldach, Berlin

Die für diese Ausstellung ausgewählten Künstlerinnen und Künstler nutzen das Medium der Zeichnung, um Denkräume zu entwickeln, Sinnfragen zu reflektieren, philosophische Themen zu analysieren, Absonderlichkeiten der Natur zu erforschen, Widersprüchen auf die Spur zu kommen und eigene Erfahrungen ironisch zu brechen.

Die streng linearen Bleistiftzeichnungen und Radierungen von Matthias Beckmann (geb. 1965 in Arnsberg, Studium in Düsseldorf / Stuttgart, Lehraufträge in Berlin, Darmstadt, Dortmund, Halle), meist in Serien angelegt, spielen mit Gestaltungsmitteln, die wir aus Fotografie und Film zu kennen scheinen – wechselnde Perspektiven, zuweilen willkürlich erscheinende Realitätsausschnitte, das Zoomen zwischen Totale und Detail, das Umkreisen von Objekten in der Art einer Kamerafahrt. Er interessiert sich für das Eindringen des Banalen in eine oftmals als weihevoll oder sozial herausgehoben empfundene Situation und kennt dabei keine Bedeutungsunterschiede zwischen den abgebildeten Gegenständen. „Ich habe Spaß am Zeichnen, wenn die Linie flüssig und scheinbar wie von selbst läuft und sich zuweilen aus der Beobachtung des Zusammentreffens von Aura und Alltag Komik entwickeln kann.“

Im Zentrum des Werks von Katja Davar (geb. 1968 in London, Studium in London / Düsseldorf / Köln, Professur in Mainz) steht die Auseinandersetzung mit zeichnerischen Systemen und Prozessen. Technologische, ökologische, ökonomische wie wissenschaftliche Erkenntnisse oder Thesen werden in großformatigen Zeichnungen und minutiös produzierten Animationen komplex umgesetzt.

Katja Davar unterminiert die mannigfachen Versuche, Welt und Wirklichkeit schematisch darzustellen, sie fassbar, erklärbar, kontrollier- und prognostizierbar zu machen. Statt auf Vereinfachung zielt ihr wilder Mix unterschiedlicher Stile, Bildtraditionen und Referenzen auf Verkomplizierung, widersetzt sich ihr Werk reflektiert und ironisch gebrochen der Faszination einfacher Erklärungsmuster. (Astrid Wege)

Barbara Hindahl (geb. 1960 in Rheinhausen/Ruhgebiet, Studium in Heidelberg / Karlsruhe, Lehraufträge in Mannheim, Hannover) hat sich die Mühe gemacht, jedes Staubkorn zu untersuchen, jedes Härchen, jede Fluse und die allerfeinsten Splitter. Je nachdem, wie sie den Fokus einstellt, entstehen fast homogen verteilte Elemente auf dem Papier oder Anhäufungen, dichtere Staubfelder, Cluster von Schmutz, schwarz auf weiß, die invertiert und mit etwas Phantasie wie die Milchstraße oder der Andromedanebel am nächtlichen Firmament erscheinen. Es macht Spaß, sich kleine Segmente auszusuchen und die winzigen mit Bleistift gezeichneten Fitzelchen zu begutachten. (Erika Sieberts) Sie arbeitet auch ortsbezogen und überführt die Zeichnung in die dritte Dimension: Ihre ortsbezogenen temporären Raumzeichnungen ergeben von einem einzigen Betrachterstandpunkt aus ein Bild.

Mit Farbstiften und Graphit zeichnet Renate Neuser (geb. 1939 in Kiel, Studium in Kiel / Stuttgart, Mitglied im Deutschen und im Westdeutschen Künstlerbund) surreale Wesen, die von der Natur angeregt sind. Verzerrte Käfersilhouetten, Kopffüßler mit schlangenartigen Beinen oder Insekten mit blasenartigen Fortsätzen gehören zu ihrem Repertoire von Lebewesen fremder Welten. In einer Serie von Objektkästen bilden zeichenhafte Naturformen Hintergründe zu den installierten Kleinplastiken. Sie zeichnet und schraffiert sehr exakt mit unpersönlichem Strich oft plastisch ausgearbeitete Formen und interessiert sich für deren lebendige Kontur.

Die Papierarbeiten der Zeichnerin und Filmemacherin Eva von Platen-Hallermund (geb. 1965 in Frankfurt, Studium in Offenbach am Main / Köln, Professur in Nürnberg) nutzen – inhaltlich wie formal – das ganze Spektrum des Mediums Zeichnung. Ob schnelle Skizze oder präzise Collage, ob spontane Notation oder hintersinnige Montage, Eva von Platen-Hallermund‘s Arbeiten konfrontieren den Betrachter mit „unverwarteten Kollisionen von Sinn- und Bildzusammenhängen“… Werbebotschaften, Bildklischees und Parolen werden von der besessenen Assoziationsarbeiterin so lange hin und her gedreht, bis ihre tradierte Bedeutung in Sinn- und Unsinns-Splitter zerbröselt… (Manfred Rothenberger)

Wenn Peter Torp (geb. 1954 in Schleswig-Holstein, Tätigkeit in der Landwirtschaft, Studium in Kiel) miteinander verwobene Bilderrätsel zeichnet, arbeitet er mit Witz und Tiefsinn, voller Zusammenhänge und mit einem schier überbordendem Reichtum an Einfällen. Dabei halten genaue Beobachtung, intellektuelle Reflexion und abgründiger Humor mit den künstlerischen Möglichkeiten Schritt oder sind diesen ein immer neuer Ansporn. Viele seiner Arbeiten sind mit einem philosophischen oder wissenschaflichen Thema hinterlegt, dem sich Torp mit seinen bildnerischen Erfindungen nähert und dieses mit subjektiven Interpretationen einkreist, um es dann mit heiterer Gelassenheit in den Raum der Kunst zu entlassen. (Erik Stephan)

Brigitte Waldach (geb. 1966 in Berlin, Studium in Berlin) fertigt großformatige Zeichnungen und raumgreifende Installationen. Ihre Kunst beschäftigt sich mit mythologischen und zeitgeschichtlichen, mit existenziellen und brisanten Themen wie Terrorismus, Religion, Pathos, Gewalt, Liebe oder Angst. Politische oder religiöse Symbole tauchen häufig in ihren Werken auf, sie arbeitet inhaltlich, ohne im Privaten zu verbleiben. In ihren Zeichnungen sind Figuren und Landschaftsmotive häufig von Texten in verschiedenen Schattierungen umgeben. Brigitte Waldach zeichnet großformatig, häufig sind es mehrteilige Bilder, bei denen sich Linien und Schrift zu einem komplexen Motiv vereinen.

 

Abb.: Matthias Beckmann, aus der Serie „Gemäldegalerie“, 2017, Bleistift auf Papier, 35,5 x 27 cm / Katja Davar, Quarry or Glory, 2016, Bleistift, Acryl und Tusche auf Papier, 149 x 113,5 cm / Barbara Hindahl, Dirt Fiction 110, 2017, Graphit auf Papier, 65 x 62 cm (Foto: Kathrin Schwab, Mannheim) / Renate Neuser, aus der Serie „Überlegung zu einem Käfer (mechanisch, elektronisch)“, 2003, Graphit auf Papier, 240 x 110 cm / Peter Torp, Die Position eines Wollknäuels, 2018, Aquarell auf grundiertem Papier, 97 x 70 cm / Eva von Platen-Hallermund, Haariges Haubenmädchen, 2013, Filzstift auf Farbausdruck, 29,7 x 21 cm / Brigitte Waldach, ZEIT_RAUM 45‘00 (CAGE), 2016, Graphit, Gouache, Pigmentstift auf Bütten, 146 x 140 cm (Foto: Bernd Borchardt)

 

Die Ausstellung wird am Freitag, 15. November 2019, um 18 Uhr eröffnet.

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